Quo Vadis Kommunikation?
Ein Rück- und Ausblick auf die Themen
und Herausforderungen der PR-Branche 2006/2007

Von Stephan Fink,
Vorstand Fink & Fuchs Public Relations AG

Es ist wieder die Jahreszeit, zu der viele Berichte und Artikel mit den Worten „Das Jahr neigt sich dem Ende zu ...“ eröffnen, um einen Jahresrückblick einzuläuten. Auch wir möchten in der Jahresendausgabe der PRoFILE einen kurzen Rück- als auch Ausblick auf die Themen und Herausforderungen der PR-Branche wagen.

Wenn man Verbandsaussagen und jüngsten Untersuchungen wie dem PR-Trendmonitor glauben schenken darf, hat die wirtschaftliche Bedeutung von PR weiter zugenommen. Auch wenn der Kosten- und Rechtfertigungsdruck steigt, wurde in 2006 mit gestiegenen Budgets der PR mehr Bedeutung beigemessen. Und dieser Trend soll sich im nächsten Jahr fortsetzen. Das Gros dieser Investitionen fließt in klassische Aufgabenfelder wie Medienarbeit, Eigenmedien, Events, Interne Kommunikation und mit wachsender Bedeutung Medienkooperationen. Das Thema Web 2.0 ist zwar in vielen Köpfen, aber bislang nur bei einer Minderheit in der instrumentellen Nutzung angekommen.Wichtiger als die Fakten sind aber die überlagernden Trends und Themen, die die Unternehmenskommunikation als Ganzes beeinflussen:
  • Dramatische Brüche in der Medienlandschaft
  • Ein sich schnell änderndes Mediennutzungsverhalten
  • Zunehmende gesetzliche Anforderungen auch an die Unternehmenskommunikation
  • Neu einzubindende Stakeholdergruppen
  • gerade in der Online-Welt eine Vielzahl neuer Tools

Parallel steigt zudem die Zahl der Umfeldthemen, mit denen PR-Verantwortliche heute umgehen müssen. Egal ob Standortdiskussion, Innovationsinitiativen, CEO-Skandale, Citizenship- und Compliance-Debatte, Arbeitsmarkt, Gesetzgebung oder die für jedes Unternehmen individuellen Marktthemen. Es wird mehr, vernetzter und das Themenkarussell dreht sich schneller.

Im Rahmen einer Fink & Fuchs Veranstaltung „Wissenschaft trifft Praxis“ zum Thema PR-Trends 2006-2007 fragten wir Professor Ansgar Zerfaß von der Universität Leipzig nach den aus seiner Sicht wichtigsten Themen. Im Zuge der Diskussion wurden drei zentrale Themenkomplexe herausgearbeitet.

Das Themenumfeld von Web 2.0 und die damit verbundenen Implikationen auf Kommunikationsstil, -kanäle und -modelle werden die Rolle von Kommunikationsverantwortlichen nachhaltig verändern. Das zweite damit eng verwobene Thema ist Wertschöpfung. Kosten- und Rechtfertigungsdruck bezüglich des Wertbeitrags von Kommunikation nehmen gerade in einer sich verändernden Kommunikationslandschaft zu. Dies erfordert auch neue Instrumentarien zur Messung des Erfolgs. Und drittens bedingen Globalisierung, Strukturwandel, die durch das Web gestiegene Transparenz sowie eine immer komplexere Stakeholder-Landschaft ganze neue Anforderungen an verantwortungsvolles Handeln und Kommunizieren von Unternehmen. Auch hier wird die Entwicklung unter dem Schlagwort CSR oder Corporate Citizenship in den nächsten Jahren an Fahrt gewinnen.

Podcast "PR-Trends 2006/2007"
mit Prof. Ansgar Zerfaß, Universität Leipzig

Die Rolle der Kommunikatoren verändert sich
Nachdem der Hype um Web 2.0 laut Gartner seinen Höhepunkt erreicht hat, gilt es nun, genau hinzuschauen, welche langfristigen Auswirkungen die neuen Formen des Austauschs mit sich bringen. Das Kommunikationsverhalten wird sich sicherlich weiter in Richtung sozialer Netzwerke verändern. Bisher setzen wir jedoch nach wie vor auf Massenkommunikation, da wir dies so gelernt haben und auch beherrschen. Doch stellt sich die Frage, ob damit auch in Zukunft alle Zielgruppen erreicht werden können. Es bleibt zu beobachten, inwieweit sich Stakeholder-Gruppen nach und nach noch weiter ausdifferenzieren und einer unterschiedlichen Ansprache bedürfen. Das hat weniger mit Technik als mit sozialen Entwicklungen zu tun. Neben einer sich ändernden Altersstruktur differenzieren sich auch die Interessenslagen weiter aus. Die Menschen möchten Information weniger via Massenmail als vielmehr über einen offenen und ehrlichen Dialog erhalten. Für Prof. Zerfaß ist dabei die Frage, „...ob man es schafft wegzukommen von der traditionellen Sprachrohr-Rolle hin zum Spielmacher, der Dialoge organisiert...“. Dieses Verständnis von Kommunikation ist sicherlich neu, da wir es bisher gewohnt waren, Prozesse zu steuern und unter Kontrolle zu halten. Von oben über Leitmedien gesteuerte Kommunikation wird zwar nicht verschwinden, aber an Bedeutung verlieren. Daneben wird sich ein kommunikativer Raum sozialer Netzwerke mit dialogischen Strukturen entwickeln, der sich zentraler Kontrolle entzieht und neuen noch nicht fixierten Gesetzmäßigkeiten gehorchen wird. Frühzeitiges Nachdenken über ein verändertes Rollenverständnis wird sich lohnen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit wir heute in der Lage sein müssen, effektive Nischenkommunikation zu betreiben. Wir werden es zunehmend mit vielen Multiplikatoren zu tun haben, hinter denen kleinere Teilöffentlichkeiten mit teilweise großer Bedeutung stehen. An dieser Stelle sei auf die Longtail-Debatte verwiesen. Aus Kommunikationssicht besagt diese letztlich, dass es sich auch lohnt, die Zielgruppen außerhalb des Mainstreams zu bedienen. Gerade mit Hilfe des Internet-basierten Kommunikationsinstrumentariums bietet sich das heute mehr denn je an. Und die Wirkung viraler Effekte im Netz konnte bisweilen mit Staunen verfolgt werden. Die Frage, auf welchem Wege diese Gruppen abseits des Mainstreams am effektivsten erreicht werden können, wird uns daher in der nächsten Zeit ebenfalls stärker beschäftigen.

Messbarkeit wird wichtiger
Neue Tools, neue Medien, explodierende Themenvielfalt und verändertes Informationsverhalten in einer Welt mit zunehmendem Kostendruck verschärfen die Frage nach „kommunikativen Wertschöpfungsbeiträgen“ und deren Messbarkeit. Nur wie messe und bewerte ich beispielsweise die Wirkung des Themen-Setting in Blogs oder den initiierten Dialog mit einem zentralen Meinungsmittler? Noch immer sind – so alle Studien - die zentralen Messinstrumente für den Erfolg von PR-Kommunikation Zeitungsausschnitte und nach gelagerten Medienresonanzanalysen, gut auszuzählen, aber ohne Aussage bezüglich Wirkung bei Zielgruppen oder Wertbeitrag zu Geschäftszielen. Scorecard-Systeme mit klar definierten Prozessen, Zieldefinitionen und zugehörigen Messkriterien sowie entsprechende Erfolgsmessungen gehören heute nur in wenigen Fällen zum Alltagsinstrumentarium. Doch das Bewusstsein steigt. „Nur, je neuer Instrumente und deren Anwendung sind, umso weniger wissen wir diese zu budgetieren, zu steuern und auszuwerten“, so Prof. Zerfaß. So müssen wir beispielsweise für die schöne neue Welt des Web 2.0 erst Erfahrungswerte sammeln. Sowohl die Forschung als auch die Praxis werden hier in den nächsten Jahren deutlich nachlegen müssen. Und dies nicht nur, weil Controller nachfragen, sondern vor allem auch, um für die Entwicklung von Strategien und die Planung des Instrumentariums eine Grundlage zu gewinnen, die zielgerichtetes Handeln zulässt. Dies zeigt die aktuelle Debatte rund um die verschiedenen Modelle der Balanced Scorecard, die in vielen Geschäftsbereichen von Unternehmen längst zum Alltag gehören. Ob eine Mitarbeiterzeitung gut ankommt oder neueste Techniken verwendet, ist sekundär, solange nicht die übergeordneten Ziele erreicht werden. Hier wird es auch 2007 noch viele weitere Diskussionen und Erfahrungsaustausch darüber geben, welche Methoden für die Kommunikationsbranche effektiv und zugleich praktikabel sind.

Trend zu nachhaltiger Verantwortung
Die Forderung nach ethischem Handeln und der Übernahme von sozialer Verantwortung von Unternehmen ist nicht neu, gewinnt jedoch in den letzten Jahren deutlich an Dynamik. Auch nimmt die Bedeutung „kosmetischer Wohltätigkeitsmaßnahmen“ für PR-Zwecke ab. Unternehmen werden die Rolle eines verantwortungsbewussten Mitglieds der Bürgergemeinschaft annehmen müssen (sog. Corporate Citizenship). Den Grund für diesen Trend sieht Prof. Dr. Pleil, von der Universität Darmstadt auch in dem gestiegenen Einfluss, den die öffentliche Meinung heute auf Unternehmen ausübt. Dieser Einfluss basiert letztlich auf zunehmender Transparenz, die wiederum eng mit den Entwicklungen im Internet zusammenhängt. Blogbeiträge von Privatleuten, nichtstaatlichen Organisationen und Journalisten könnten heute in Sekundenschnelle einen Unternehmensskandal auslösen oder zumindest verstärken. Darüber hinaus sinkt das Reputationskapital von Unternehmen aufgrund nicht nachvollziehbaren und unpopulären Handelns stetig. Man denke nur an die Reaktionen zur Pressekonferenz der Deutschen Bank, als diese quasi zeitgleich mit Verkünden ihres Rekordergebnisses massenweise Entlassungen bekannt gab. Hier spielt also auch ein verändertes gesellschaftliches Gefüge hinein. Massenarbeitslosigkeit, Angst vor Globalisierungsszenarien, Sorge um soziale Absicherung im Alter und andere Themen verunsichern die Gesellschaft in zunehmendem Maße. Die Auswirkungen zeigen mittlerweile schon an der Ladenkasse, wo „verantwortungsvoll“ handelnde Unternehmen zumindest in bestimmten Marktsegmenten ihr Engagement über höhere Preise kapitalisieren können oder möglicherweise boykottiert werden.

Bei der Entwicklung von Unternehmensverantwortung differenziert Prof. Zerfaß aktuell zwei unterschiedliche Diskussionsebenen. Die eine findet in der Kommunikationsbranche statt, beschäftigt sich mit den Chancen, CSR für die Imagepflege zu instrumentalisieren und steckt aber noch eher in den Kinderschuhen. Während die andere Diskussion auf Leitungsebene in Großkonzernen sich mit konkretem realem Handeln auseinander setzen muss. Einhaltung sozialer Standards weltweit, Strategien für umweltschonende Produktion, Förderung von Forschung und Lehre, standortbezogene Engagements – die Liste lässt sich fortsetzen. Hier geht es nicht um „wir tun einmal etwas Nettes und laden die Zeitung ein“, sondern um langfristige Konzepte und Strategien, die tief in der Unternehmensorganisation verankert, das gesellschaftliche Umfeld mit einbeziehen. „Wie diese Rolle bewältigt wird, ist eine zugleich unternehmens- und kommunikationsstrategische sowie kommunikative Herausforderung: gefragt ist ein neues Selbstverständnis, das wirtschaftliche Ziele und gesellschaftliche Rahmenbedingungen integriert und in intelligente Kommunikationskonzepte umsetzt.“ So Prof. Zerfaß in seinem abschließenden Statement

Es wird nicht langweilig
So wie sich Medienkonzerne in die Welt des Web 2.0 einkaufen und ihre Angebote zukunftsfähig machen, so wie Konsumenten und alle anderen gesellschaftlichen Gruppen bei hoffentlich steigender Medienkompetenz ihr Mediennutzungs- aber auch das Kommunikationsverhalten den neuen Gegebenheiten anpassen, so werden auch Unternehmen und ihre Kommunikationsabteilungen Wege finden müssen, mit den aktuellen Veränderungsprozessen umzugehen. Nicht blinder Aktionismus ist gefragt. Wohl überlegtes Handeln auf der Grundlage soliden Monitorings, das in zielgerichtete nachhaltige Strategien mündet, die wiederum auf Unternehmensziele einzahlen, ist gefordert. Auch 2007 wird hinsichtlich Kommunikation ein spannendes Jahr, in dem uns allen die Arbeit nicht ausgehen wird und in dem wir weiter lernen können. Machen Sie sich einmal den Spaß und schauen Sie 15 Jahre zurück, bewerten sie die Veränderung zu heute und rechnen Sie das hoch auf 2021. Sie werden merken, die Zukunft hat gerade erst begonnen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern schon jetzt ein schönes Weihnachtsfest
und einen guten Rutsch ins neue Jahr!



Wenn Sie sich intensiver mit den genannten Themen auseinandersetzen möchten, empfehlen wir Ihnen folgende Bücher und Webseiten:

Wertschöpfung
„Wertschöpfung durch Kommunikation“ von Jörg Pfannenberg und Ansgar Zerfaß, gebundene Ausgabe, 224 Seiten, Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch, EUR 39,90. ISBN 3899810538.

„PR-Evaluation. Messen, Analysieren, Bewerten. Empfehlungen für die Praxis“, DPRG Deutsche Public Relations Gesellschaft (2000), Bonn.

„Unleashing the Power of PR. A Contrarian's Guide to Marketing and Communication“ (Gebundene Ausgabe) von Mark Weiner, 256 Seiten, Verlag Pfeiffer Wiley, 1. Auflage 2006, EUR 31,36. ISBN 0787982792.

„Kommunikationscontrolling“ (broschiert) von Manfred Piwinger und Victor Porak, 197 Seiten,
Gabler-Verlag, EUR 46,90. ISBN: 3409034196.

„Strategische PR-Evaluation. Erfassung, Bewertung und Kontrolle von Öffentlichkeitsarbeit“ (broschiert) von Nannette A. Besson, 323 Seiten, Vs Verlag, EUR 36,90, ISBN: 3531338846.

Vortrag Jörg Pfannenberg zum Thema

GPRA-Forum Wertschöpfung durch Kommunikation

Internationaler Newsletter für PR-Erfolgskontrolle

Wiki für PR-Erfolgskontrolle

CSR
„Business Ethics. A European Perspective“ von Andrew Crane und Dirk Matten,
Verlag Oxford University Press, 2. Auflage 2007.

Corporate Citizenship. Gesellschaftliches Engagement - unternehmerischer Nutzen (Broschiert) von Josef Wieland und Walter Conradi, 225 Seiten, Verlag Metropolis, EUR 24,80. ISBN: 3895183970.

Unternehmensführung in der Reflexiven Modernisierung. Global Corporate Citizenship, Gesellschaftsstrategie und Unternehmenskommunikation (Taschenbuch) von Ralf Weiss, 328 Seiten, Verlag Metropolis, EUR 36,80. ISBN: 3895183997.

„Erfolgsfaktor Verantwortung. Corporate Social Responsibility professionell managen“ (gebundene Ausgabe) von Kaevan Gazdar, Andre Habisch, Klaus R. Kirchhoff, 170 Seiten, Springer-Verlag, EUR 34,95. ISBN: 3540262792.

„Corporate Social Responsibility in kleinen und mittleren Unternehmen. Grundlagen-Instrumente-Perspektiven“ (broschiert) von Astrid Holzborn, 109 Seiten, VDM Verlag Dr. Müller, EUR 49, ISBN: 3865504523.

Im Erscheinen: „Corporate Citizenship und Internetkommunikation“ in: Habisch, André; Schmidtpeter, René: Handbuch Corporate Citizenship Management, Springer

Das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik

Internetportal der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI)


Web 2.0
„Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien“ (Taschenbuch) von Ansgar Zerfaß und Dietrich Boelter, 191 Seiten, Verlag Nausner & Nausner, EUR 12, ISBN: 3901402454.

„Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern“ (broschiert) von Erik Möller, 231 Seiten, Heise-Verlag, EUR 19, ISBN: 3936931364.

Im Erscheinen: „Internet und Social Software in der Unternehmenskommunikation“ in: Piwinger, Manfred / Zerfaß, Ansgar (Hg.): Handbuch Unternehmenskommunikation, Wiesbaden: Gabler

„Blogging for Business: Everything You Need to Know and Why You Should Care“ (Taschenbuch) von Shel Holtz und Ted Demopoulos, 247 Seiten, Verlag Kaplan, 1. Auflage 2006, EUR 19,50. ISBN: 1419536451.

Blogs zum Thema:
www.micropersuasion.com
www.meinungsmacherblog.de/
www.prblogger.de